Warum lieben die Valencianer einen Fluss, der ihre Stadt nicht mehr durchfließt?
Weil die Valencianer ihn zweimal gerettet haben: einmal, indem sie ihn nach der Flutkatastrophe von 1957 aus der Stadt hinausleiteten, ein zweites Mal, indem sie in den 1970er Jahren eine geplante Autobahn durch sein altes Bett verhinderten. Aus diesem alten Flussbett ist heute ein rund neun Kilometer langer Park geworden, der Valencia von Westen nach Osten durchzieht: der Jardín del Turia. Diese Geschichte, ein Fluss, der von seiner eigenen Stadt gerettet wurde statt umgekehrt, erklärt einen guten Teil der Zuneigung, die Valencianer für ein Gewässer empfinden, das eigentlich gar nicht mehr bei ihnen vorbeifließt.
Das Wichtigste in Kürze
Zwischen Mitte der 1960er Jahre und 1973 wurde der Turia südlich um Valencia herumgeleitet, nachdem die Riada (die große Flutkatastrophe) vom 14. Oktober 1957 mindestens 81 Menschenleben gekostet hatte. Sein altes Bett mitten in der Stadt blieb leer zurück, und statt der von Madrid geplanten Stadtautobahn setzten die Valencianer per Bürgerbewegung einen Park durch: den Jardín del Turia, dessen erste Abschnitte 1986/87 eröffneten. Heute schlängelt sich der Park auf rund neun Kilometern durch die Stadt, das historische Wassergericht Tribunal de las Aguas (seit 2009 UNESCO-Welterbe) tagt weiterhin jeden Donnerstag, und ob der neue Flusslauf beim Jahrhundert-Unwetter (DANA) von 2024 wirklich als Schutz für die Stadt wirkte, ist unter Fachleuten bis heute umstritten.
| Etappe | Jahr | Was geschah |
|---|---|---|
| Verheerende Riada | 1957 | Mindestens 81 Tote, ganze Stadtviertel überflutet |
| Plan Sur per Gesetz gebilligt | 1961 | Entscheidung, den Fluss südlich um die Stadt herumzuleiten |
| Bau des neuen Flussbetts | ca. 1965 bis 1973 | Neuer Kanal, rund 12,7 km lang, 175 bis 200 m breit (Angaben schwanken je nach Quelle) |
| Bürgerbewegung | ab 1972 | Widerstand gegen die geplante Autobahn im alten Flussbett |
| Vertrag mit Ricardo Bofill | 1981 | Beginn der Landschaftsplanung für den Jardín del Turia |
| Eröffnung erster Abschnitte | 1986/1987 | Geburtsstunde des heutigen Jardín del Turia |
Warum hatte man jahrhundertelang Angst vor dem Turia?
Weil er seit der Römerzeit immer wieder über die Ufer trat, manchmal mit tödlichen Folgen. Laut einer von mehreren spanischen Medien zitierten Untersuchung der Geografen Pilar Carmona und Joan Olmos sind zwischen 1321 und 1957 mindestens 22 Überschwemmungen des Turia dokumentiert, Ausgrabungen auf der Plaza de l'Almoina fanden sogar Spuren von Hochwassern aus römischer und maurischer Zeit. Die folgenschwerste Katastrophe aber bleibt die Riada vom 14. Oktober 1957: In einer einzigen Nacht fielen nach übereinstimmenden Angaben mehrerer spanischer Medien mehr als 600 Liter Regen pro Quadratmeter im Einzugsgebiet des Turia, der Fluss erreichte einen Spitzenabfluss von rund 3.700 Kubikmetern pro Sekunde und verwandelte Viertel wie das Cabanyal und Nazaret in Seen. Amtlich bestätigt sind mindestens 81 Tote, Chroniken aus jener Zeit nannten teils deutlich höhere Zahlen, verlässlich belegt ist aber nur die offizielle Zahl.
Wie prägte der Fluss Valencias Identität schon vorher?
Indem er die Huerta bewässerte, die fruchtbare Ebene, die Valencia seit Jahrhunderten ernährt. Stadt und Huerta bildeten lange einen einzigen Organismus, die Bäuerinnen und Bauern verkauften ihre Ernte direkt auf den Straßen der Stadt. Acht Hauptbewässerungskanäle (Acequias), einige davon rund 2.000 Jahre alt, zapfen den Turia bis heute an, um die Ebene zu bewässern. Wer die Huerta genauer verstehen will, findet mehr in unserem Guide zur Huerta von Valencia.
Die Verteilung dieses Wassers regelt seit der maurischen Zeit der Tribunal de las Aguas, der sich jeden Donnerstag vor der Kathedrale von Valencia versammelt, um Streitigkeiten zwischen Bewässerungsgemeinschaften zu schlichten, mündlich und auf Valencianisch. Die UNESCO nahm das Gericht 2009 in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf, es gilt als eine der ältesten noch aktiven Rechtsinstitutionen Europas.
Was geschah nach der Flut von 1957?
Die Stadt entschied sich, den Fluss umzuleiten. Nach der Katastrophe wurden drei Varianten geprüft: eine Umleitung nördlich der Stadt, ein Staudamm bei Vilamarxant oder ein neues Flussbett südlich der Stadt. Die Wahl fiel auf diese dritte Option, die sogenannte "Solución Sur", 1961 per Gesetz der spanischen Cortes gebilligt. Die eigentlichen Bauarbeiten begannen einige Jahre später und zogen sich bis 1973 hin, sie schufen einen neuen, rund 12,7 Kilometer langen und 175 bis 200 Meter breiten Kanal (die genaue Breite variiert je nach Quelle) mit einer Abflusskapazität von 5.000 Kubikmetern pro Sekunde, deutlich mehr als die rund 3.700 Kubikmeter pro Sekunde von 1957. Der Fluss verlässt seither endgültig die Innenstadt und mündet weiter südlich bei Pinedo ins Mittelmeer.
Warum verhinderten die Valencianer eine Autobahn im alten Flussbett?
Weil sie einen Park wollten, keine Stadtautobahn. Nachdem der Fluss umgeleitet war, plante der spanische Staat, dem die freigewordenen rund 110 Hektar gehörten, gemäß dem Stadtentwicklungsplan von 1966 eine Schnellstraße von Madrid zur Küste mitten durch das alte Bett. Dagegen formierte sich ab 1972 eine Bürgerbewegung unter dem valencianischen Slogan "El llit del riu es nostre i el volem verd" ("Das Flussbett gehört uns, und wir wollen es grün"). 1979 entschied sich das Rathaus von Valencia endgültig für die grüne Variante, 1981 unterzeichnete es mit dem Architekten Ricardo Bofill einen Vertrag zur Landschaftsgestaltung, die ersten Abschnitte des heutigen Parks öffneten 1986/87.
Wie wurde der Jardín del Turia zum grünen Herzen der Stadt?
Indem er praktisch alles aufnahm, was die Valencianer draußen gerne tun. Der Jardín del Turia erstreckt sich heute über rund neun Kilometer, vom Palau de la Música bis zur Ciutat de les Arts i les Ciències, mit Sportplätzen, Fahrradwegen, Spielplätzen und ausgedehnten schattigen Wiesen. Der Park zählt nach Presseangaben rund drei Millionen Besuche pro Jahr, nicht zuletzt dank der futuristischen Stadt der Künste und Wissenschaften an seinem östlichen Ende. Im Park findet auch die Nit del Foc statt, eines der großen Feuerwerke der Fallas, und mehrere Comisiones Falleras bauen dort im März ihre Monumente auf. Wer Valencias grüne Weiten mag, findet auch in unserem Guide zum Sonnenuntergang über der Albufera weitere Inspiration.
| Ort | Was dich erwartet | Karte |
|---|---|---|
| Jardín del Turia | Das alte Flussbett, heute neun Kilometer Park | |
| Ciutat de les Arts i les Ciències | Der futuristische Komplex am Ende des Parks | |
| Tribunal de las Aguas | Das Donnerstagsgericht vor der Kathedrale | |
| Neue Flussmündung (Plan Sur) | Wo der Turia heute ins Meer mündet |
Gibt es ein deutsches Pendant? Die Isar in München
Ein direktes Gegenstück gibt es nicht, aber die Isar in München ist die ehrlichste Annäherung, die sich finden lässt, gerade weil München den umgekehrten Weg ging. München hat die Isar nicht aus der Stadt entfernt: Ab 1806 wurde der voralpine Wildfluss für Hochwasserschutz und Wasserkraft in ein enges Korsett aus befestigten Ufern gezwängt, ein Fluss zum Durchleiten, nicht zum Verweilen. Ab den 2000er Jahren, im Rahmen des sogenannten Isar-Plans, entschied sich die Stadt für das Gegenteil: Zwischen 2000 und 2011 wurden rund acht Kilometer Flusslandschaft zwischen der Großhesseloher Brücke und dem Deutschen Museum aufwendig renaturiert, mit breiteren Kiesbänken, natürlicheren Ufern und mehr Raum für Naherholung mitten in der Stadt, bei gleichzeitig verbessertem Hochwasserschutz.
Der Unterschied zu Valencia ist also fast spiegelbildlich: München hat seinen Fluss im Stadtbild behalten und dessen Korsett gelockert, Valencia hat seinen Fluss komplett aus der Stadt entfernt und das leere Bett anschließend begrünt. Am Ende trifft sich aber die gleiche, sehr moderne Überzeugung: Dass ein Flussufer mitten in der Stadt in erster Linie den Menschen gehören sollte, zum Baden, Radfahren, Spazieren und Feiern, nicht nur der Wasserwirtschaft. Wer als Münchner oder Münchnerin zum ersten Mal am Jardín del Turia entlangradelt, erkennt dieses Gefühl vermutlich sofort wieder, auch wenn dort, anders als an der Isar, gar kein Wasser mehr fließt.
Kann der Turia heute noch Valencia überfluten?
Theoretisch nicht mehr, dank des neuen Kanals, doch das Thema bleibt umstritten. Beim Jahrhundert-Unwetter (DANA) vom Oktober 2024 erfüllte der neue Flusslauf laut dem zitierten Bauingenieur Luis Mediero seine Schutzfunktion für die Innenstadt von Valencia. Die Forscherin Julia Martínez von der Fundación Nueva Cultura del Agua vertritt dagegen die These, derselbe Kanal habe bei diesem Unwetter wie eine Mauer gewirkt und Wassermassen in Richtung weiter südlich gelegener Gemeinden umgelenkt. Beide Lesarten widersprechen sich in der Einschätzung des Ausmaßes dieses Effekts, wir entscheiden diese fachliche Debatte hier nicht. Die Kontroverse hat zudem, unter anderem vom früheren Bürgermeister Joan Ribó, die Idee einer "Renaturierung" des neuen Kanals wieder ins Gespräch gebracht, ein Vorschlag, der seinerseits wegen möglicher Folgen für die Abflusskapazität bei Hochwasser umstritten ist.
Häufig gestellte Fragen
Fließt der Turia noch durch die Innenstadt von Valencia?
Nein. Seit dem Abschluss des Plan Sur 1973 wurde der Fluss in ein neues Bett südlich der Stadt umgeleitet, das bei Pinedo ins Meer mündet. Das alte Flussbett blieb zwar in der Innenstadt, wurde aber in einen Park umgewandelt.
Warum wurde aus dem trockengelegten Flussbett ein Park und keine Autobahn?
Weil eine Bürgerbewegung der 1970er Jahre, getragen vom Slogan "El llit del riu es nostre i el volem verd" (das Flussbett gehört uns, und wir wollen es grün), das Rathaus von Valencia dazu brachte, auf die vom spanischen Staat ursprünglich geplante Autobahn auf diesem Gelände zu verzichten.
Was hat der Tribunal de las Aguas mit dem Turia zu tun?
Es ist ein historisches Wassergericht, das seit der maurischen Zeit Streitigkeiten zwischen den acht Acequias schlichtet, die den Turia zur Bewässerung der Huerta von Valencia anzapfen. Es tagt bis heute jeden Donnerstag vor der Kathedrale und wurde 2009 von der UNESCO ausgezeichnet.
Ist der Jardín del Turia bei Starkregen gefährlich?
Der neue, vom Park getrennte Kanal wurde für weitaus größere Hochwasser ausgelegt als jenes von 1957 und begrenzte die Schäden für die Innenstadt beim Unwetter (DANA) von 2024 nach Einschätzung mancher Experten deutlich, wenngleich diese Einschätzung nicht von allen Fachleuten geteilt wird. Der Park selbst, im alten Flussbett gelegen, führt im Alltag kein Flusswasser mehr.
Quellen
- Wikipedia (ES): Gran riada de Valencia, 1957
- eldiario.es: Radiografía de la riada que dejó 81 muertos en 1957
- Newtral: Qué es el Plan Sur que desvió el río Turia
- BOE: Ley 81/1961 über den Plan Sur von Valencia
- 125 Aniversario Grupo Aguas de Valencia: Un río que cambia de cauce
- UNESCO: Immaterielles Kulturerbe, Tribunal de las Aguas (seit 2009)
- Bintercanarias-Blog: La reconversión del río Turia, DANA 2024 und Debatte
- Bundesamt für Naturschutz: Der Isar-Plan, Flussrenaturierung in München
- Wasserwirtschaftsamt München: Isar-Plan
- Tiempo.com, Aquí Medios de Comunicación, Urban Networks, Cátedra del Agua der Universitat Jaume I, Guiarte Valencia (Presse- und Fachquellen, im Juli 2026 konsultiert)
Stand: Juli 2026. Die Debatte über die Rolle des neuen Turia-Kanals bei Starkregen ist unter Fachleuten weiterhin offen, und Ausbaupläne können sich ändern. Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und anschließend von unserer Redaktion geprüft, überarbeitet und freigegeben, die dafür die redaktionelle Verantwortung trägt.
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